Als ich in meiner Gesangsausbildung war hatte ich einmal eine Lehrerin, bei der lief das so: Das erste halbe Jahr wurden grundsätzlich nur Übungen gesungen. Dafür war es für sie auch vollkommen unerheblich, wie viel jemand bereits sang. Daß ich zu dieser Zeit bereits eigene Songs schrieb und Auftritte mit meiner Band hatte kümmerte sie nicht.

Es wurden also fleißg Übungen gesungen und ich lernte ohne Frage auch viel. Dann nach einem halben Jahr bekam ich das gleiche Lied wie jede ihrer Schülerinnen und das war  "Der Mond ist aufgegangen" :-)) Ein hübsches Lied, gar keine Frage...

Ich hatte anderes im Sinn und brachte in der Folge meine Lieblingssongs von Tori Amos, Kate Bush, den Cranberries usw mit in den Gesangsunterricht. Sie analysierte die Notentexte sehr genau und so kam es in den Folgemonaten immer wieder zu Diskussonen darüber, wie viel Individualität in der Songinterpretation denn angemessen sei bzw wie notentreu  die Erarbeitung denn sein müsse.

Und welche Art von Songs sollen überhaupt für den Gesangsunterricht ausgewählt werden?

In meiner Wahrnehmung sind die Songs eigenständige Wesen. Sie können sich öffnen oder auch verschließen, wenn wir versuchen, mit ihnen sängerisch zu kommunizieren. Verschiedene Songs brauchen ein unterschiedliches Maß an Technik, interpretatorischer Genauigkeit oder Leichtigkeit und Improvisation.

Es gibt Stücke, die sind scheinbar einfach, erfordern aber sehr viel Energie, um ihr Wesen entfalten und spannend sein zu können. Viele Schlager, Folk-, und Popsongs gehören in diese Kategorie.

Andere Stücke sind im Original extrem anspruchsvoll vorgetragen, brauchen aber eigentlich diesen ganzen Aufwand gar nicht, um leben zu können. Ich denke hier z.B. an "Beautiful" von Christina Aguilera, ein schöner und eingängiger Song, der auch ohne das Können einer ausgebildeten Soulsängerin sehr gut funktionieren kann.

Songs sind wie Kleidungsstücke. Manche stehen einem, andere dagegen überhaupt nicht und das durchaus unabhängig vom Schwierigkeitsgrad. Vielleicht wird aber dann was draus, wenn wir es anders kombinieren. Eine andere Tonart, ein anderer Rhythmus, ein anderes Metrum...und es läuft...

Ein zu schwerer Song kann möglicherweise vereinfacht werden und dann sehr gut passen. Andersherum kann es eine spannende Erfahrung sein, mit den eigenen Möglichkeiten mehr  aus einem sehr einfachen Stück herauszuholen.

Oftmals wollen SchülerInnen Songs ihrer LieblingskünstlerInnen oder solche aus einer ganz bestimmten Stilrichtung singen und lehnen andere Songs ab aus einer Antipathie gegenüber deren originalen InterpretInnen.

Ich plädiere in dieser Sache immer sehr für den Abbau von Berührungsängsten und eine möglichst kreative Herangehensweise. Wie kann z.B. eine Sängerin Songs, die für Männerstimme komponiert sind in ihrer Stimme umsetzen (oder umgekehrt)? Vielleicht merke ich, daß ich in den Tonlagen switchen muss/kann und der Song bekommt einen ganz neuen, eigenen Charakter. Wie erschließe ich mir einen Song, den ich eigentlich gar nicht mag und wie mache ich mich frei von den allzu großen Vorbildern?

An "Zombie" von den Cranberries bin ich damals ziemlich kläglich gescheitert. Wegen der signifikanten Jodler, die in meiner Stimme einfach immer albern klingen. Der Song öffnete sich mir erst als ich ihn so sang, wie es für meine Stimme schön ist und nicht mehr versuchte, etwas zu zu imitieren, was meinem Ausdruck gar nicht entsprach.

 

 

 

 

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